Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014

Während der Vorbereitungen zu unserem dritten Musical "The End - Beginn 19 Uhr" fand in Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina (hier kurz BiH) eine entsetzliche Jahrhundertflut-Katastrophe statt, von der die Medien bei uns kaum berichteten.
Die Flüsse Sava, Una und Sana traten über die Ufer und überschwemmten riesige Gebiete der drei Länder.
Kroatien als EU-Mitglied und Serbien als Mitglieds-Anwärter erwarteten Unterstützungen der EU, BiH konnte jedoch nur mit weit weniger Finanzhilfe rechnen, obgleich der größte Teil der Überschwemmungen über 2 Millionen Einwohner des Landes betrafen, das sind rund zwei Drittel der Bevölkerung!

Unsere Lehrerin Frau Dizdarevic, deren Eltern aus BiH kommen, informierte uns über das Drama. Hier ihr Bericht auf unserer Schulhomepage:
http://www.sts-horn.de/aktuelles/2014/hilfsprojekt-der-stadtteilschule-horn-angesichts-der-jahrhundertflut-in-bosnien-herzegowina/

Sofort fanden spontane Hilfsaktionen statt, SchülerInnen aus BiH organisierten in den Pausen improvisierte Stände mit Infos und Sammelboxen, in zahlreichen Klassen wurden Pakete gepackt und über zentrale Hilfsstellen verschickt, und Frau Dizdarevic berichtete vor jeder Musical-Aufführung über den Stand der Dinge.
Wir entschlossen uns natürlich sofort, den gesamten Reinerlös der Musicalaufführungen den Flutopfern zu spenden.
Über 3000,- € kamen zusammen!
Durch den Direkt-Kontakt zu den Flutopfern und die genaue Kenntnis über ihr Heimatland konnte Frau Dizdarevic garantieren, dass alle Hilfsgüter auch bei den entsprechenden Stellen ankamen.
Sie kaufte von einem Teil des Geldes technisches Gerät wie z.B. Wasserpumpen zum Auspumpen überschwemmter Keller und Erdgeschosse ein, aber auch Schulranzen mit Erstausstattung für Familien, deren gesamte Habe den Fluten zum Opfer fiel.
Unser Musiklehrer Herr Schmidt-Landmeier, der ohnehin seit Jahren bevorzugt den "Balkan" bereist, hatte in diesem Jahr vor über BiH nach Mazedonien und Albanien zu fahren.
So wurde sein alter Toyota mit den Hilfsgütern bis zur Oberkante vollgepackt, und auf ging's nach Prijedor im Norden von BiH.

Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014
Dort erwartete ihn die junge Kollegin Azra Muric, Deutschlehrerin am Gymnasium der kleinen Stadt. Die Pumpen wurden installiert und danach von Haus zu Haus weiter gereicht, die Schulsachen an besonders betroffene Kinder verteilt.
Frau Muric zeigte Herrn Schmidt-Landmeier drei Tage lang Stadt und Region, so konnte er mit eigenen Augen die katastrophalen Auswirkungen der Überschwemmungen nachvollziehen.
Friedlich schlängelte sich die Sana mittlerweile wieder durch die Stadt.

Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014

Ein Außenstehender hätte kaum ahnen können, welche Verwüstungen sie zuvor hinterließ.
Hier "nur" 2 Bilder eines Wohnzimmers, das selbst Wochen nach der Flut noch unbewohnbar war.

Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014
Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014

Bei genauem Hinsehen aber waren deutlich zu erkennen: Zerstörte Freizeiteinrichtungen am Fluss, dunkle Wasserränder hoch bis in die Erdgeschosse unzähliger Häuser, die Hunderte Meter vom Fluss entfernt lagen, hängendes Treibgut und Geäst in den nun wieder sich mehrere Meter über dem Wasser befindenden Brückenkonstruktionen, Treibgut in den Parks, sumpfähnliche "Seen" auf den Feldern.
Und es regnete schon wieder in Strömen.

Nachtrag Herrn Schmidt-Landmeiers:
"Seit meinem ersten Besuch in BiH, der gekennzeichnet war durch die vergangene Flut, versuche ich so oft wie möglich BiH zu besuchen. Bei uns kaum bekannt und im Schatten des mittlerweile touristisch fast schon unangenehm erschlossenen Kroatiens, zählt BiH für mich zu den schönsten Ländern Europas.
Wer einmal da war, will immer wieder hin.
Die offenen, freundlichen Menschen, die grandiose Natur, die noch nicht touristisch hochgestylten Städte, der Una-Nationalpark mit seinen Wasserfällen, die Aussichten in gewaltige Schluchten zahlloser Flüsse zwischen nicht enden wollenden Berglandschaften, die verlassen wirkenden Hochplateaus, in denen man fast meint, noch Indianerstämmen begegnen zu müssen, die Vegetationsunterschiede zwischen dem fast "kanadischen" Norden und dem Karst im Süden, die widersprüchliche, lebendige, wenn auch dramatische (und längst nicht aufgearbeitete) Geschichte des letzten Krieges nicht nur am Beispiel Sarajevos und Mostars, der klitzekleine Mittelmeerzugang in Neum, wo das Leben noch viel entspannter tickt als in ganz Kroatien, die Karstquellen in Livno oder die Altstadt von Trebinje - das muss man gesehen, erlebt, gerochen und geschmeckt haben, da reicht nicht eine organisierte Tagesfahrt von einem kroatischen Touristenziel aus ins ehemalige "jugoslawische Hinterland".

In BiH kann man noch reisen, rasen geht ohnehin nicht. Es gibt keine Autobahnen, fast jede Straße führt an einem Fluss entlang, die Märkte der Ortschaften laden zum Verweilen ein und zum Kosten regionaler Spezialitäten. Selbst in der Hochsaison findet man überall ein Hotelzimmer zu einem fairen Preis und ohne Vorbestellung.
Wenn man 50 km am Tag zurücklegt, ist man schon fast zu schnell. Wer gerne fotografiert, schafft ohnehin nicht so viel. Die Widersprüchlichkeit der Kulturen, der Religionen und der Landschaft zwingen geradezu sich Zeit zu nehmen und treiben zu lassen.

Ich habe versucht, den Wahnsinn des Bosnien-Krieges halbwegs nachzuvollziehen. Habe Reiseführer studiert, nächtelang gegoogelt, Videos angeschaut, Meinungen versucht zu vergleichen.  
Einem seit Geburt gesicherten Nordeuropäer ist es nicht möglich die Massaker des Krieges, der vor nicht einmal zwei Jahrzehnten vor unseren Augen stattfand, auch nur annähernd nachzuvollziehen oder gar zu verstehen.
Die überall präsenten Einschusslöcher in den Häusern, die immer noch nur notdürftig zugkleistert sind, den gehetzt anmutenden Aufbau moderner Gotteshäuser der drei Religionen in Dauerkonkurrenz zueinander, die plötzlich auftauchenden Schilder "Willkommen in der serbischen Republik", obwohl man sich doch in BiH und nicht in Serbien aufhält, die kroatischen Embleme in der Herzegowina, deren Hauptstadt Mostar widerum von Moscheen dominiert wird - da kann einem schon schwindelig werden.

Ich bin also darauf angewiesen, mit den Menschen in BiH zu sprechen, und das ist, wo immer man sich auch befindet, kein Problem. Viele Menschen sprechen Deutsch, die jungen Englisch. Nicht Stellung zu nehmen, sondern zu fragen und zuzuhören, sich rantasten und versuchen zu verstehen, ist angesagt.
Im Gegensatz z.B. zu Albanien, wo es kaum möglich ist, mit wem auch immer über die "alte Zeit" unter dem entsetzlichen Regime Enver Hoxhas zu sprechen, äußert sich in BiH jeder mit seiner eigenen Meinung zur Geschichte und der Situation heute, wenn man ernsthaft und wirklich interessiert fragt und zuhört. Man muss nur sehen, wie man die oft extrem auseinander klaffenden Antworten für sich dann halbwegs zusammen bekommt.

Noch etwas für "Zaghafte": Das Auswärtige Amt empfiehlt Vorsicht bei Reisen nach BiH. Die Straßen seien schlecht, die schwelenden Konflikte könnten zu weiteren führen, der Lebenstandard sei niedrig, die Sicherheit nicht immer gewährleistet - das klingt, als dürfe man nur mit Begleitschutz in ein außereuropäisches Krisengebiet fahren und müsse sich sogar sein Essen selbst mitbringen. Zudem würden an jeder Straßenecke korrupte Polizisten Touristen abzocken.

Was für ein Quatsch!
Hinfahren, erleben, genießen. Die Straßen sind gut, der Standard der Hotels ist absolut ok, das Essen ist frisch und köstlich, die Menschen sind überall sehr zugewandt - ob Katholiken, Orthodoxe oder Muslime.

Es heißt, die Korruption habe das Land fest im Griff. Viele Menschen in BiH leiden darunter, "Zahlungen" für bestimmte Privilegien tätigen zu müssen.
Das merkt ein Ausländer im Alltag aber nicht, und wer sich an die Verkehrsregeln hält, wird auch nicht abgezockt.
In Bihac wunderte ich mich, dass niemand bei Rot über die Ampel ging, obwohl es sich nur um einen klitzekleinen Übergang von 3m handelte. Antwort: Die Polizei ist überall, und die braucht Geld.
Für gute Deutsche also kein Problem, wir gehen ja sowieso nie bei Rot rüber.

Korruption nennen die Einwohner Sloweniens übrigens auch an erster Stelle ihrer Kritik am System, und der österreichische Nachbarstaat gilt längst als vorbildlich in die EU integriert. Nur Kroatien als Vorzeigestaat des Balkans in der EU negiert das Problem. Spricht man dort aber an der wohl schönsten Küste Europas mit Hoteleignern, die noch nicht von internationalen Konzernen aufgekauft wurden, steigen einem die Haare zu Berge.

Abschließend: Mitnichten will ich die Probleme des Patchwork-Staates BiH klein reden oder nicht wahrnehmen.
Ich möchte nur jeden darum bitten hinzufahren und sich ein eigenes Bild zu machen um danach vielleicht - wie ich - immer wiederzukommen.

PS: Bei meiner Reise im Herbst 2014 durch BiH traten die Flüsse im Norden schon wieder über die Ufer..."

Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014

Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014

Musical-Spende für die Flutopfer in Bosnien-Herzegowina Juli 2014